IASB Post-Implementation Review (PIR) IFRS 9 – Kategorisierung und Bewertung

Aktueller Stand

Der IASB hat mit seiner Entscheidung im Oktober 2020 offiziell einen partiellen Post-Implementation Review (PIR) von IFRS 9 – d.h. PIR von IFRS 9 / “Teil 1” gestartet.

Kern jenes Beschlusses war, dass dieser PIR Teil 1 zunächst nur den Regelungsbereich “Kategorisierung und Bewertung” in IFRS 9 umfasst. Für die übrigen Regelungsbereiche (“Impairment” und “Hedge Accounting”) soll nach Ende dieser Konsultation erörtert werden, wann der entsprechende Teil 2 des PIR gestartet wird.

Für diesen PIR Teil 1 wurden seit Dezember 2020 konkrete Beschlüsse über Zielsetzung, Inhalte und den zeitlichen Ablauf gefasst. Im Juli 2021 hatte der IASB zuletzt das Thema inhaltlich erörtert. Am 30. September 2021 wurde ein Konsultationsdokument (Request for information) veröffentlicht, mit dem die Öffentlichkeit nun um Meinung zu den darin erwähnten Themen und Fragestellungen gebeten ist. Diese Konsultation endet am 28. Januar 2022.

Zielsetzung

Ziel dieses (und von jedem anderen) PIR ist (i) die Beurteilung, ob die im PIR betrachteten Vorschriften die Bilanzierung/Finanzberichterstattung verbessert haben, und (ii) das Gewinnen von potenziellen Erkenntnissen, wie das künftige Standard-Setting gestaltet und ggf. verbessert werden kann.

Inhalte des PIR von IFRS 9 (Teil 1)

In der ersten Phase, die Anfang 2021 begonnen hatte, wurde identifiziert, ob und welche Themen innerhalb des Regelungsbereichs “Kategorisierung und Bewertung” als problematisch angesehen werden.

Auf Basis dieser Erkenntnisse wurde nun als zweite Phase das Konsultationsdokument (RfI) publiziert. Darin werden folgende Aspekte aus dem IFRS 9-Regelungsbereich Kategorisierung & Bewertung zur Diskussion gestellt:

  1. Kategorisierungs- und Bewertungsregeln als Gesamtkonzept;
  2. Finanzielle Vermögenswerte – Bestimmung des Geschäftsmodells, insb. Anwendungsfälle für Änderungen des Geschäftsmodells;
  3. Finanzielle Vermögenswerte – Prüfung des Zahlungsstromkriteriums, insb. Anwendung auf neue Produkte (z.B. mit Zahlungsströmen, die von Nachhaltigkeitskriterien beeinflusst werden, und sog. contractually-linked instruments);
  4. Finanzielle Vermögenswerte, die Eigenkapitalinstrumente darstellen – Anwendung des Wahlrechts, FV-Änderungen im OCI auszuweisen, und die Frage, wie dieses Wahlrecht genutzt wird;
  5. Finanzielle Verbindlichkeiten, die at FV-PL klassifiziert sind – Anwendung des Wahlrechts, den bonitätsbedingten Anteil an Fair Value-Änderungen im sonstigen Ergebnis/OCI auszuweisen;
  6. Modifikationen vertraglicher Zahlungsströme, insb. Anwendung der bestehenden Ausbuchungsvorschriften;
  7. Fortgeführte Anschaffungskosten und Effektivzinsmethode, insb. wenn Zinssatz von Bedingungen beeinflusst wird;
  8. Übergangsvorschriften, insb. Auswirkungen bestehender Ausnahmen/Erleichterungen;
  9. Sonstiges.

Zeitplan

Der PIR Teil 1 begann bereits Anfang 2021. Dessen erste Phase (Outreach + Research) erstreckte sich über ca. 6 Monate. Die zweite Phase (Konsultation mittels RfI) wurde nun mit der Publikation des RfI am 30. September 2021 gestartet und läuft zunächst bis Ende Januar 2022. Im Anschluss wird der IASB die Rückmeldungen erörtern und daraus Erkenntnisse gewinnen bzw. Folgeschritte ableiten. Über Inhalte und Zeitplan des nachfolgenden PIR Teil 2 (Impairment und Hedge Accounting) ist noch zu entscheiden.

Hintergrund

PIRs werden durchgeführt, um die Auswirkungen eines neuen Standards zu bewerten, nachdem die Vorschriften einige Zeit lang angewendet wurden.

Üblicherweise startet der PIR mit einer ersten Phase, in der zunächst sog. Outreach und Research betrieben wird – d.h. Unternehmen, Organisation und andere Beteiligte werden nach bisherigen Erfahrungen und ggf. Anwendungsschwierigkeiten befragt und darüber hinaus werden theoretische Untersuchungen anhand von Abschlüssen und Publikationen angestellt. Sodann folgt eine zweite Phase, in der mittels eines konkreten Dokuments (“Request for Information” / RfI) eine öffentliche Konsultation durchgeführt wird. Der IASB wird die Rückmeldungen zum RfI nutzen, um festzustellen, ob weitere Maßnahmen erforderlich sind.

IFRS 9 regelt die Bilanzierung von Finanzinstrumenten und umfasst insb. die Regelungsbereiche Kategorisierung/Bewertung, Impairment und Hedge Accounting. Es existieren aber weitere geltende Standards betreffend Finanzinstrumente (IAS 32 = Darstellung von Finanzinstrumenten, IFRS 7 =Angaben zu Finanzinstrumenten, IAS 39 = einige weitere Regeln zum Hedge Accounting, die alternativ zu den Hedge Accounting-Regeln in IFRS 9 anwendbar sind).

Zugehörige Veranstaltungen

  • 1. Sitzung FA Finanzberichterstattung
  • 10.12.2021
  • 1. Sitzung FA Finanzberichterstattung
  • 10.12.2021
  • 107. Sitzung IFRS-FA
  • 28.10.2021
  • 107. Sitzung IFRS-FA
  • 28.10.2021
  • PiR IFRS 9 - Classification and Measurement

    Der IFRS-FA wurde erstmals über die Inhalte des IASB-Konsultationsdokuments (RfI) im Rahmen des Post-implementation Review IFRS 9 Financial Instruments Classification and Measurement informiert. Der IFRS-FA hat in dieser Sitzung einige Abschnitte des IASB-Konsultationsdokuments bereits tiefgehend diskutiert und erste Meinungen dazu geäußert.

    Beim Thema „Kategorisierung und Bewertung“ (einleitender und übergreifender Abschnitt 1) wurde der Grundfeststellung des IASB, IFRS 9 führe zu grundsätzlich wenigen Bewertungsänderungen gegenüber IAS 39, allgemein zugestimmt. Gleichwohl wurde seitens des IFRS-FA festgestellt, dass diejenigen Anwendungsfälle, bei denen sich Änderungen ergaben, nennenswert oder sogar erheblich sind. Als eine wesentliche Änderung gegenüber IAS 39 wurde die unter IFRS 9 bei finanziellen Vermögenswerten nicht mehr vorgesehene Abspaltung eingebetteter Derivate angesprochen.

    Beim Thema „Geschäftsmodell“ (Abschnitt 2) rückte der Aspekt von Reklassifizierungen in den Fokus der Diskussion. Es wurde vorläufig zugestimmt, dass in der Praxis bislang generell wenige Anwendungsfälle für eine Geschäftsmodelländerung – mit der Folge einer Reklassifizierung – auftraten. Allerdings wurden Syndizierungen von Krediten als häufiger und erheblicher Anwendungsfall genannt und erörtert. Hierbei ist problematisch, dass die Aufteilung in zwei Geschäftsmodelle (Halten vs. Verkaufen) schwierig ist, da die Syndizierungsquote teilweise bei Ersteinstufung nicht feststeht und daher diese Aufteilung problematisch ist und bleibt. Ferner wurde geäußert, dass die Fair Value-Bewertung für den entsprechenden Syndizierungsanteil mitunter schwierig und auch nicht aussagekräftig sei.

    Zum Thema „Zahlungsstromkriterium“ (Abschnitt 3) hat der IFRS-FA die dargestellten Anwendungsfälle eingehend besprochen. Der erste darunter (Finanzinstrumente mit ESG-Kriterien) ist nach Auffassung des IFRS-FA derzeit als politisch aufgeladenes Thema anzusehen, weshalb die bisherige Praxisrelevanz möglicherweise nebensächlich wird. Gleichwohl wurde festgestellt, dass derartige Anwendungsfälle erheblich zunehmen, so dass nicht die momentane, sondern die (mit Sicherheit viel größere) künftige Praxisrelevanz entscheidend ist. Der IFRS-FA bestätigte die mittlerweile hinreichend bekannten Schwierigkeiten, wie derartige Instrumente unter den aktuellen IFRS 9-Vorschriften in puncto Zahlungsstromkriterium zu würdigen sind. Daher regte der IFRS-FA an, die Diskussion und auch Rückmeldung nicht auf das Problem selbst, sondern auf mögliche Lösungen zu konzentrieren. In diesem Sinne scheint es erstrebenswert, mit dem Feedback hierzu bereits Lösungsansätze zu skizzieren. Diese könnten in einem geänderten Verständnis der Zinsdefinition liegen oder ggf. sogar in einer neu zu schaffenden Zusatzregelung – und zwar dergestalt, dass Finanzinstrumente mit ESG-Kriterien möglicherweise nicht dem SPPI-Kriterium genügen müssen, aber dennoch eine amortised cost-Bewertung zulässig würde. In allen Lösungsszenarien kommt der Abgrenzung, was unter einem ESG-Instrument zu verstehen ist, eine hohe Bedeutung zu.

    Zum Thema „Eigenkapitalinstrumente und OCI-Ausweis“ (Abschnitt 4) wurde festgestellt, dass das Thema und die Argumente sämtlich bekannt sind. Daher ist eine erneute Diskussion lediglich dann zielführend, wenn hierbei ein konzeptionell neuer Weg gefunden wird, bei dem auch die Frage der Behandlung von Wertminderungen zu adressieren wäre. Andererseits ist angesichts der früheren Diskussionen zu diesem Thema weiterhin die Gefahr einer möglichen EU-Sonderregelung („carve in“) erkennbar – was wiederum eine nochmalige Diskussion dringlich macht. Ergänzend – und über die im RfI-Dokument erwähnten Aspekte hinaus – wurde vom FA angesprochen, dass die Abgrenzung von Eigenkapital- und Fremdkapitalinstrumenten (insb. bei Fondsanteilen) in diesem Kontext nicht unproblematisch und daher zu diskutieren sei.

    Zum Thema „Amortised cost und Effektivzinsmethode“ (Abschnitt 7) wurde in der Diskussion des IFRS-FA zweierlei angesprochen: Erstens ist das Problem der unsicheren Zahlungsströme nicht neu, erfährt aber durch Finanzinstrumente mit ESG-Kriterien größere Relevanz, und zweitens betrifft das Problem insb. die Erstbewertung und hierbei das konkrete Verständnis vom Fair Value als Bewertungsmaßstab (Stichwort Erwartungswert bzw. best estimate).

    Alle vom IASB jeweils unter „Spotlights“ erwähnten Anwendungsfälle hat der IFRS-FA als relevant und problemlösungsbedürftig bestätigt.

    Die bisherigen Meinungsäußerungen des IFRS-FA sollen Basis für die nun bevorstehende Diskussion in der DRSC-AG „Finanzinstrumente“ sein. In der nächsten FA-Sitzung wird die Diskussion fortgesetzt.

Literaturhinweise

Autor/In Titel Datum
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Horst, Carsten/ Färber, Michele/ Dulgeridis, Marcel/ Rix, Kim Agile Steuerung in der Versicherungsbranche – Herausforderungen frühzeitig erkennen und angemessene Entscheidungen treffen IRZ, 12/2021, S. 545 ff. 2021
Eierle, Brigitte/ Hartlieb, Sven/ Prinz, Lennart Zur Praxis der Bilanzierung von Sicherungsbeziehungen nach der Einführung von IFRS 9 Eine deskriptive Analyse deutscher kapitalmarktorientierter Unternehmen WPg, 22/2021, S. 1407 ff. 2021
Kirsch, Hanno Beteiligungen an Kapitalgesellschaften im handelsrechtlichen Jahresabschluss, der Steuerbilanz und im separaten Einzelabschluss nach IFRS PiR, 11/2021, S. 328 f. 2021
Löw, Edgar/ Hartmann, Friederike Berichterstattung über die Auswirkungen negativer Zinsen in den Konzernabschlüssen europäischer Banken IRZ, 11/2021, S. 493 ff. 2021